JOE BAUSCH LE BAUSCH AM BAUM

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Mai 2019, es ist warm. Joe Bausch, Schauspieler, Buchautor und Arzt, wirkt entspannt. Vor wenigen Wochen hat er seine letzte Schicht als Knastarzt in Werl geschoben.

M Du bist seit kurzem in Rente, willst du jetzt mehr drehen?

J Klar, ich habe jetzt viel mehr Zeit. Wenn Angebote kommen, kann ich mich jetzt auf viel mehr einlassen. Früher hatte ich ja maximal 30 Tage Urlaub. Die sind schnell weggedreht. Neulich hat mich ein Agent angerufen und wir haben über Theaterprojekte gesprochen. Aber ich brauche keinen Agenten. Die wollen einen ja immer ganz. Es gibt Sachen, die laufen von alleine. Ich will keinen, der nur für mich telefoniert und dem ich dann fünfzehn Prozent abgeben muss.

M Sollte ein Agent nicht eher Karriereberater sein?

J Na klar, normalerweise sollte er schauen, wo er dich unterbringen kann. Aber die meisten Agenten haben nicht mehr Kontakte als ich. Agenten sollten junge Schauspieler beraten, ihnen zeigen,was man machen sollte und vor allem die Dinge zeigen, die man in seiner Karriere besser lässt. Im Moment ist es ein Weg für junge Filmschauspieler, auf jeden Fall auch Theater zu machen.

Aber sind nicht viele FilmschauspielerInnen auf der Bühne schrecklich schlecht? 

J Naja, es gibt ein paar, die machen beides sehr gut. Aber viele sind gut beraten, besser nicht auf die Bühne zu gehen. Und es gibt tolle Kollegen, die spielen auf der Bühne dem lieben Gott die Eier weg und vor der Kamera funktioniert das überhaupt nicht. Das kennst du als Fotograf. Es gibt Gesichter, die liebt die Kamera einfach. Ich weiß noch, Barbara Rudnik. Sobald die Kamera auf sie ging, hatte sie ganz viel. Ein Geheimnis. Nichts, was du so hättest sehen können. Und bei anderen genau umgekehrt. Das Charisma der Bühne überträgt sich bei vielen überhaupt nicht auf die Linse.

M So erlebe ich das auch immer. Bei allen erfolgreichen Film- und Fernsehleuten ist das Knipsen immer sehr einfach. Die schnippen mit dem Finger und schalten ihr Charisma ein. Mario Adorf zum Beispiel.

J Oder Joachim Król und Armin Rohde. Bei denen erkennst du auch beim schlechtesten Foto noch etwas Interessantes. (schaut sich um)  Ich mag den Wald im Mai. Überall das junge Grün. Alter Mann in jungem Grün (lacht). 

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M Stell dich doch mal da an den Baum.

J (lacht) Das hat früher mein Kumpel Wolfgang immer gesagt, wenn er Frauen fotografiert hat. „Die Katja, die muss ich auch mal an den Baum stellen.“ Das waren dann diese Fotos mit Blick am Baum vorbei. Obwohl, ich hier als Baumflüsterer mit zer-furchtem Gesicht vor der Rinde, das passt schon.

M Wie kommst du denn mit deinem Ruhestand klar?

J Ich muss leider zugeben, dass mir das nicht so ganz leicht fällt. Ich bin dabei, mich neu zu organisieren, mich zu entscheiden, was ich mache, und was nicht. Vorher musste ich 36,5 Stunden in der Woche liefern. Ich komme gerade aus Berlin, ich habe eine Zusage für ein neues Buch. Arbeitstitel ist „Bahamabeige“.

M Und spielt in der Karibik?

J Genau, der Held fährt über die Inseln und hat einen beigen Trenchcoat an. (lacht) Quatsch! Bahamabeige war eine Sanitärfarbe aus den siebziger Jahren. Ich finde, sie spiegelt perfekt das Gefühl dieser Zeit. Auf der einen Seite der Traum von den Bahamas, Bora Bora, der Freiheit. Auf der anderen Seite das Beige, die Kackfarbe schlechthin. Aber auch eine mutige Farbe, die, nach all dem Grau und Schwarz der frühen Bundesrepublik für den, wenn auch gebremsten, Aufbruch des Bürgertums in die neue Zeit der 70iger und 80iger stand. Heute will niemand mehr beige Toiletten haben.

M Um was wird es gehen?

J Es wird ein biografisches Sachbuch. Ein wenig wie beim Meyerhoff. Der berichtet über seine Kindheit als Sohn eines Psychiaters mit all ihren Grotesken. Ich schlage einen Bogen von den späten 50ern – ich bin 53 geboren, meine allerersten Erinnerungen habe ich aus meinem vierten Lebensjahr –  bis jetzt. Ich erzähle, wie sich das Leben in Deutschland geändert hat, aber auch wie ich mich geändert habe. Ich erzähle meine Geschichten, aber auch die der Menschen, die ich auf dem Weg kennengelernt habe. All die Verrücktheiten dieser Zeit. Ich war in Marburg, ich war in Paris.

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M Du hast mal in Paris gelebt?

J Anderthalb Jahre. Etwa 1974 bis 75. Ich fand den Lebensstil in Frankreich klasse, die Küche und das Kino. Das war die große Zeit von Michel Piccoli und Alain Delon. Wir waren in der Woche viermal im Kino. Ich habe zuerst in der Nähe vom Gare de l´Est gewohnt. Nicht die schönste Gegend, aber es war bezahlbar und du warst schnell in der Mitte.

M Diese Gegend ist inzwischen reichlich gentrifiziert.

J Ja, klar, wie auch das Marais. Das ist inzwischen eine Fußgängerzone geworden, ich war neulich mal wieder in Paris. Unsere letzte Wohnung hatten wir gegenüber vom Centre Pompidou, das wurde, als wir dort wohnten, gerade gebaut. Deswegen konnten wir uns die Bude in der Rue Beaubourg  leisten. Als das Centre fertig war, wurde die Wohnung unbezahlbar. Ich finde toll, wie sich das Marais entwickelt hat. Keine Autos mehr, früher war das absolut unvorstellbar. In der Rue Rambuteau konnte es dir passieren, dass dein Auto an Markttagen morgens mit Salatkisten vollgepackt war. Da bist du dann an dem Tag nicht mehr weggefahren, sondern zu Fuß gegangen.

M Ich war Fotoassistent in Paris in den sehr frühen 90ern. Mein Chef war ein völlig bekloppter Autofahrer. Immer in Eile, immer zu spät, immer aggressiv. Wir sind häufig mit 60 km/h über den Bürgersteig am Stau vorbei. Wie in Belmondofilmen.

J Ich habe gelegentlich den Wagen meiner Chefin leihen dürfen. Ein blauer Renault Alpine. Wenn ich den heute sehe, frage ich mich, wie ich da reingekommen bin. Ich war ja nicht kleiner damals. Mit dem Wagen bin ich durch Paris geheizt, der pendelte hinten immer so durch und wenn die Ölwanne aufsetzte sind die Funken geflogen. Der Wagen wog nur 700 Kilo und hatte fast 200 PS.  Die Alpines haben ja damals die Rallye Monte Carlo gewonnen. Dann kamen die Lancias und Walter Röhrl mit seinem Audi Quattro, da hatten die Renaults keine Chance mehr. Wenn Besuch aus Deutschland kam, musste ich sie immer rumfahren, weil alle Angst hatten, in Paris Auto zu fahren. Ab dem Boulevard Periphérique bekamen sie Panik. In Paris fährt man anders als in Deutschland, man schaut nicht nach links oder rechts, sondern nur nach vorne und reagiert auf das was dort passiert. Das funktioniert sehr verläßlich. Ein Blick in den Spiegel und es wird krachen.

M Mir gehen auf dem Boulevard Periphérique die Motorradfahrer auf den Geist, die überholen dich auf der linken Spur zwischen dir und der Leitplanke. Selbst wenn man weiß, man hat nicht schuld, will man ja doch keinen Unfall. 

J Nee, man will sie nicht fliegen sehen. Auf der Periphérique gibt es illegale Motorradrennen mit Spitzengeschwindigkeiten von über 300 km/h. Wahnsinn. Aber das überleben auch nicht alle. Früher waren die mutigsten Kerle in Paris die Fahrradboten. Das waren Zehnkämpfer mit suizidaler Grundtendenz, Hasadeure die fast über die Autos gesprungen sind. Heute sieht man Frauen mit ihren Kids im Anhänger mitten durch Paris radeln, das ist eine tolle Entwicklung.

M Hast du in Paris studiert?

J Zuerst habe ich in Kneipen gejobt, später bei Berlitz Sprachunterricht gegeben. Die haben damals mit Native-Speakern gearbeitet. Deutsch war schwer in Mode, in der Metro hing sogar Werbung fürs Deutschlernen. Das war die Zeit von Giscard und Schmidt, zwischen den beiden gab es eine ausgeprägte Freundschaft. Ich glaube das deutsch-französische Verhältnis war nie besser  als zu dieser Zeit. Wir haben Intensivkurse gemacht. Die Kunden hatten zwei oder drei Lehrer und haben den ganzen Tag nur Deutsch gesprochen. Die sind mit einem „Guten Morgen“ begrüßt worden und mit einem „Gute Nacht“ verabschiedet worden. Nach 6 Wochen konnten sie es. Zwar nicht schreiben, aber sprechen. Wir haben 30 Franc in der Stunde bekommen. Als wir angefangen haben mit den Menschen direkt abzurechnen und die Hundert zu kassieren, sind wir schnell rausgeflogen.

M Habt ihr euch als Pioniere der europäischen Integration gesehen?

J Naja, ein großes Wort, aber wir hatten eine sehr europäische Wohngemeinschaft. Da war zum Beispiel Nigel, ein Schotte, der Englischunterricht gegeben hat. Das ist der einzige Mensch, der mit offenen Augen schläft, man hat immer gedacht, er sei tot. Und wir haben gesagt, her mit den kleinen Französinnen! (lacht) Aber ernsthaft, die europäische Idee hatte damals eine Prosperität. Niemand war dagegen, wirklich alle, alle waren dafür. Selbst die konservativsten Geister vom Dorf. 

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J Mein Vater hat immer von Frankreich geschwärmt, obwohl er dort Kriegsgefangener war. Wir sind später zusammen dahin gefahren, wo er gefangen war. Da war kein Haß, da war kein Zorn. Das war die Nahtstelle, dort fing die Versöhnung an. Sicher schwer zu Beginn, nach allem was die Deutschen in Europa angerichtet haben. Bei meiner allerersten Reise war ich für viele Franzosen noch der Boche. Mein Name hört sich, französisch ausgesprochen, ja fast so an. Das fanden dann einige Franzosen wiederum ganz lustig. Ein Deutscher, der sich selbst beleidigt.

M Ich erinnere mich, wir sind mit unseren Eltern jeden Sommer nach Frankreich gefahren und zu Anfang kamen öfter zumeist ältere Männer, um uns zu sagen, dass sie die Deutschen nicht mögen. Mich als Kind hat das verunsichert.

J Ich hatte damals ein englisches Auto, einen Austin Healey, einen Rechtslenker. Ich habe nach dem Weg gefragt und zuerst waren die Passanten sehr freundlich. Dann haben sie das D-Kennzeichen gesehen und mich völlig in die Irre geschickt. Irgendwie auch verständlich. Ein alter Jude hat mir in Marseille erzählt, wie er als junger Mann erleben musste, wie die Deutschen die  Altstadt von Marseille gesprengt haben. Verständlich, dass diese Menschen nicht gut auf uns Deutsche zu sprechen waren.

M Und doch gab es die Versöhnung. Meine Schwester lebt in Frankreich, sie und ihre Kinder haben beide Staatsangehörigkeiten, das ist inzwischen Alltag in vielen Familien. Dennoch wird die europäische Idee von vielen in Frage gestellt.

J Diese Le Pen und die Brexiteers und hier die Verrückten von der AfD, schrecklich! Ich hätte nicht gedacht, dass das innerhalb eines Lebens geschehen kann, dass es zusammenfindet und wieder auseinander geht. Obwohl, eigentlich bin ich sicher, dass die meisten Menschen immer noch hinter der europäischen Idee stehen. Für mich gibt es da nur eines: Wir müssen die Vernünftigen wählen!

 

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