FRANK GOOSEN DURCHFALL FUSSBALL BÜCHERSCHREIBEN

Frank Goosen
Frank Goosen

Jahrhunderthalle Bochum. Ich baue mein Licht auf, Luna die Visagistin pudert Frank Goosen noch etwas ab. Wir beginnen zu plaudern

 M  Ich habe hier in dieser Halle mal Element of Crime gesehen, ich fand das Konzert total scheiße.

F  Warum ?

M Die wirkten irgendwie lustlos.

F   Ich glaube nicht, dass die lustlos waren. Sie haben halt diese Attitüde, cool zu bleiben. Auch in den Videos. So etwas ganz Runtergedimmtes.  Bei Lesungen biedert sich Sven Regener  auch nicht an. 90 Minuten lesen, kaum Moderation und dann Schluss. Er signiert auch nicht.

M  Ich mag es engagierter auf der Bühne. Wenn Leute alles geben. Wolfgang Wendland von den Kassierern zieht sich immer aus auf der Bühne. Nicht dass ich das besonders schön finde, aber ich mag dieses Kompromisslose. Mit ihm habe ich auch schon ein Knipsgespräch gemacht, er wollte aus Protest auf jedem Foto rauchen. 

F  Damit kann ich nicht dienen. Ich habe noch nie geraucht. Und auch keine Drogen genommen. Nur gesoffen.

M  Wirklich nie geraucht ?

F  Noch nicht einmal an einer Zigarette gezogen. Meine Eltern und Oma und Opa haben so viel geraucht und ich fand das immer total ekelig. Deswegen bin ich der einzige, den ich kenne, der noch nie an einer Zigarette gezogen hat. Und mit 50 fang ich damit auch nicht mehr an. Vor Drogen hatte ich immer Angst, deswegen habe ich nie etwas genommen. Beim Saufen habe ich aber alles mitgenommen. Das wirkt jetzt uncool, aber so war es. Aber das kann ich hier nicht erzählen.

M  Du kannst hier alles erzählen.

F  Nee, das willst du alles gar nicht wissen, vor allem, wie sich saufen auf die Verdauung auswirkt. Das ist nicht schön.

M  Ich habe mal ein einem Dorf tief im Regenwald in Ecuador selbstgebrautes Bier getrunken. Ich glaube, die Fermentierung  beginnt im Mund der Dorfältesten. Einen Schluck aus Höflichkeit. Das mache ich nie wieder. Das war in Lago Agrio in der  Erdölgegend von Ecuador. Beim Flug zurück nach Quito habe ich drei Tüten vollgereihert. Die Sitznachbarn haben sich alle weggesetzt. Im Taxi habe ich dann noch Durchfall bekommen, bin ausgestiegen und habe mir beim Kotzen in die Hose gekackt.  Mann, da war ich so richtig runter. Und streng gerochen habe ich auch.

F  Ja genau, so in die Richtung gehen meine Erfahrungen auch. Nur war das nicht in Ecuador. Cool. Schreib doch auch mal ein Buch. Als Fotograf um die Welt, oder so was….

M  Ach, dazu bin ich zu faul. Und ich glaube auch nicht, dass das sehr spannend ist.

F  Ich habe ständig mit Leuten zu tun, die mehr erleben als ich, aber ich schreibe die Bücher. Ich mache jetzt in Berlin so eine Show, die heißt „Goosens neue Bücher“  Markus Henrik, mit dem ich das mache  erzählt mir immer unglaubliche Storys. Der fährt nach Lissabon und lernt sofort eine honduranische Botschaftsangestellte kennen. Sie erleben Sachen, da kann ich jetzt nicht ins Detail gehen. Ein anderes Mal  hat er  auf eine Anzeige geantwortet, da suchte eine Frau einen  Mitreisenden nach China, weil sie sich von ihrem Freund getrennt hatte. Er trifft sich mit ihr und sie sieht umwerfend aus. Und dann fahren sie zusammen los. Wenn ich auf so eine Anzeige geantwortet hätte, hätte ich garantiert die Omma erwischt. Was ja auch interessant sein kann. Obwohl,  Markus ist ja gar kein gutes Beispiel. Er schreibt  ja Bücher. „Copyman“ zum Beispiel, das ist ein Praktikanten-Roman.

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M  Bist Du noch beim VfL Bochum im Vorstand ?

F  Ich bin im Aufsichtsrat und nicht im Vorstand. Ich bin gerade wieder reingewählt worden.

M  Wie bist du eigentlich auf diese Idee gekommen ?

F  Das war nicht meine, sondern Werner Altegoers (Anm. ehemaliger Präsident und damals wichtiger Mäzen des Vereins) Idee. Als ich nach einem Abstieg einen kritischen Artikel geschrieben habe, hat er mich gefragt, ob ich nur meckern könne oder auch mitmachen. Das war natürlich der Versuch, mich als kritische Stimme einzufangen. Was nicht geklappt hat.  Ich denke, ich bin der einzige Romanautor der Mitglied im Leitungsgremium eines Profivereins ist. Für mich ist das alles Material. Jetzt darf ich das natürlich noch nicht verwenden, aber wenn ich da raus bin, schreibe ich einen Roman über Fußball. Ich werde viel verfremden müssen, aber ich sage dir, alles was du an komischen Geschichten im Fußball hörst, stimmt.

M  Mir geht ja dieses ganze Theater, dieses Marketing und die totale Kommerzialisierung rund um den Fußball auf den Sack.

F  Es wird alles zu viel. Die WM bald mit 40 Mannschaften ! Wann soll man diese ganzen Spiele überhaupt ansehen?  Ich habe mich in diesem Jahr zum ersten Mal dabei ertappt, dass ich mich auf die Winterpause gefreut habe. Aber so ist es: Der Fußball gehorcht einer kapitalistischen Wachstumslogik.

M  Was bedeutet das für den VfL ?

F  Mit dem neuen Fernsehvertrag wird für die kleinen Clubs alles noch schwieriger. Die Erstliga-Absteiger werden in Zukunft mit viel mehr Geld in die zweite Liga kommen. Ich denke, die Bundesliga wird eine geschlossene Gesellschaft. Und die Zukunft gehört Vereinen, die sich nicht am Markt behaupten müssen. So wie RB Leibzig oder Wolfsburg und Leverkusen. Bei einem kleinen Verein wie dem VfL muss gnadenlos alles zu 150%  stimmen, wenn du aufsteigen willst. Da musst du auch viel Glück haben. Letztlich musst du dich entscheiden ob du bei diesem System mitmachen willst. Wenn du das nicht willst, minimierst du die Wahrscheinlichkeit in der ersten Liga mitzuspielen. Die Entscheidung, die Profimannschaft in eine Kapitalgesellschaft zu überführen und Anteile zu verkaufen, steht für den VfL sicher bald an.

M  Viele haben das ja schon gemacht.

F  Viele aber auch nicht. Mainz 05 hat das nicht getan und spielt im Moment ganz gut mit in der ersten Liga. Ich habe dazu noch keine abschließende Meinung, zumal die Diskussion darüber bei uns erst losgeht. Ich habe einen gewissen Ehrgeiz. In meinem Beruf aber auch was den VfL angeht. Aber gleichzeitig halte ich diese kapitalistische Logik, die dahinter steht, für pervers. Diesen Widerspruch habe ich für mich noch nicht aufgelöst.

M  Zieh doch mal die Lederjacke an…

F  Das ist übrigens die gleiche Jacke, die ich anhatte, als du mich das letzte Mal fotografiert hast. Damals hat sie am Bauch gespannt, jetzt kann ich eine Daunenjacke drunterziehen.  Im Herbst 2015 hatte ich gesundheitliche Probleme, die sich dann als Gallensteine herausgestellt haben. Deswegen habe ich wieder abgenommen. Es ist jetzt das dritte Mal, dass ich so viel Gewicht verloren habe und diesmal will ich, dass es so bleibt.

M  Fällt das schwer ?

F  Wenn Du gesundheitlichen Druck hast, fällt es nicht so schwer. Was schwer fällt, ist  die Ernährungsumstellung durchzuziehen und nicht wieder mit dem Saufen und dem Fressen anzufangen. Jedesmal wenn ich ein Kilo mehr habe, lege ich sofort einen Tag Abnehmen ein. Sonst komme ich wieder wie ein Junkie an die Nadel. Aber, das ist kein Schicksal wie Krebs, sondern etwas, das ich selbst in der Hand habe.

M  Aber das Bühnenleben ist doch nicht gerade gesund, Hotels, viel im Restaurant essen ….

F  Das mache ich nicht mehr. Wenn ich in Nordrhein-Westfalen auftrete, fahre ich immer nach Hause. Und das Brötchen, das ich vor dem Auftritt esse, nehme ich inzwischen selber mit. Die Veranstalter kaufen die Brötchen beim Bäcker und dann ist es nicht mit Butter bestrichen, sondern mit Mayo. Und fingerdick die Käsescheiben dadrauf. Und dann drei, vier Stück davon. Boah nee, sowas kann ich nicht essen.

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M  Du hast erzählt, du schreibst immer im Januar.

F  Ich mache immer von Weihnachten bis Mitte Februar frei. Ich nehme dann keine Auftritte an und so komme ich kontinuierlich ans Arbeiten.  Ich habe noch nie in meinem Leben so viel in so kurzer Zeit und so konsequent geschrieben, wie in diesem Jahr. Wegen der Krankheit war ich ein wenig ins Hintertreffen geraten und das wollte ich aufholen. Es ist nicht so, dass ich jedes Jahr ein neues Buch schreiben muss, aber das, was ich gerade schreib, brennt mir echt unter den Nägeln. Ich schreibe jetzt jeden Tag ein Kapitel. Ich stehe relativ früh auf, lese erst einmal Zeitung und gehe dann an die Schüppe. Bis mittags. Und zum Abend hin schreibe ich dann auch noch einmal ein paar Stunden. Sehr konzentriert und sehr effektiv. Und das macht mir Spaß, deshalb habe ich einmal angefangen zu schreiben. Wegen dieser Konzentration, diesem „Ganzdabeisein“.

M  Ab Mitte Februar hast du wieder Auftritte,  geht das Manuskript vorher an den Verlag ?

F  Nein, das werde ich nicht schaffen, aber dann reicht es auch, wenn ich in der Woche nur zwei Kapitel schreibe. Mitte April bekommt meine Lektorin das Manuskript, weil sie im Mai genug Zeit hat. Diesmal wird sie auch viel Zeit brauchen, weil es, so wie es aussieht, mein umfangreichstes Buch wird. Dann fängt die Fleißarbeit an.

M  Pingpong zwischen dir und der Lektorin ?

F  Genau, und sie ist sehr gründlich. Das nervt manchmal, aber eines ist klar, sie macht das Buch besser. KiWi, mein Verlag, hat beim letzten Buch eine junge Mitarbeiterin alle Fakten checken lassen. Zum Beispiel  gibt es da eine Liste von Liedern, mit denen Förster in einem inneren Monolog belegt, dass die Musik früher auch nicht besser war.  In den Top 20 in den Sechzigern war nur deutsche Schlagerscheiße. Förster zählt die alle auf und die Frau von KiWi hat bei jedem Titel geprüft, ob der in den Top 20 war. Und wirklich, eine der Nummern war nur auf Platz 21. Das ist Kärrnerarbeit. Im Studio zu sitzen und das Hörbuch einzulesen übrigens auch. Bei „Förster mein Förster“ waren es vier Tage, das macht keinen Spaß. Vielleicht schlage ich dem Hörbuchverlag vor, das nächste Buch live aufzunehmen. Das habe ich mal mit Harry Rowohlt gemacht. In der Kulturkirche in Köln, abends von 18:00 bis nachts um 3:00 Mit Publikum, am Anfang waren dreihundert da, am Ende nur noch dreißig.

M  Immerhin. Und manchmal ruft  dann Sönke Wortmann an und will aus deinem Roman einen Film machen?

F  Genau,  „Sommerfest“ kommt bald in die Kinos. Sönke Wortmann hat  vorher sehr lange und sehr persönlich mit mir gesprochen. Wir haben uns getroffen, und geguckt, ob wir miteinander klarkommen bevor Verträge gemacht wurden. Dann hat er mir erste Drehbuchfassungen gezeigt und mich immer wieder mit einbezogen. Ich war öfter bei den Dreharbeiten dabei und habe eine kleine Rolle im Film.

M  Ein kleiner Auftritt als du selbst ?

F  Nein, als Stadionsprecher bei einem Kreisligaspiel. Ich habe den Film schon gesehen, der ist klasse geworden. Es war eine schöne Atmosphäre bei der Arbeit und das sieht man dem Film auch an. Sönke ist total entspannt am Set, der muss nichts mehr beweisen.

M  Aber das ist doch bei den wirklich Guten immer so.

F  Naja, ich werde nie vergessen, wie Mick Jagger bei „Wetten Dass“ aufgetreten ist. Da habe ich gedacht, Junge das kann doch nicht dein Ernst sein. Was musst du dir hier noch einen runterholen ? Du hast doch schon die Rockmusik erfunden !  Keith Richards würde das nie machen. Ich finde, ein Rolling Stone hat bei „Wetten Dass“ nichts zu suchen. Dafür gab es immer Joe Cocker.

Danke an Luna für die Maske:    www.lunamarisol-maske.com

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