Helge Lindh Bela, Bobby, Rex und Clemens

30.10.20 Berlin, Reichstagsgebäude. Helge Lindh wirkt abgehetzt, gerade kommt er aus dem Plenarsaal, wo er zu den Terroranschlägen in Nizza am Tag vorher, gesprochen hat.

H Das war gerade ein aktuelle Stunde auf Antrag der AFD. Der Titel sagt alles: „Lehren aus den Attentaten wie jüngst in Frankreich – Islamismus und Parallelgesellschaften zurückdrängen“

M Aber Islamismus ist doch gefährlich.

H  Das ist ein großer Satz, sehr gelassen ausgesprochen. Viele, die gerade über den Islam reden, auch in der Politik, haben keine scharfen Begriffe. Das macht es schwierig, alles wird zusammengeworfen: Islam, Islamismus, Dschihadismus, legalistischer Islam, politischer Islam. Es gibt sehr viel Halbwissen. Das ist alles nicht einfach, natürlich gibt es Zusammenhänge zwischen Islam und Terrorismus, aber es ist eben nicht deckungsgleich. Es ist sehr schwer, das in einer zugespitzten Debatte zu vermitteln. Ich arbeite schon sehr lange zu den Themen Asyl, Migration und Islamfeindlichkeit. Das sind völlig unterschiedliche Themen, aber alle diese Aufregerthemen kreuzen sich bei mir.

M Bist du Religionswissenschaftler?

H Nein, absolut nicht. Strenggenommen bin ich Germanist.

M Ich finde religiöse Eiferer aller Religionen gefährlich.

H Die erste Frage ist ja schon, was religiöser Eifer überhaupt ist. Da ist die Analytik spannend. Viele, die sich dazu äußern, haben überhaupt keine Ahnung. Es wäre natürlich viel zu einfach zu sagen, das hat nichts mit Religion zu tun. Man beruft sich auf religiöse Schriften, wenn auch fälschlich. Man kann einfach nicht sagen, im Islam gibt es die oder die Sure und daraus erklärt sich der Terrorismus. Das ist viel zu einfach.

M Aber, es gibt doch Imame und religiöse Führer die versuchen, die Situation anzuheizen.

H Ja natürlich, und das sind die Gefährlichsten. Es gibt Scharfmacher, die nicht selbst Hand anlegen, aber anstacheln, die schreiben, die motivieren, die die geistige Grundlage bieten. Früher waren es die Predigten in den Moscheen, jetzt, mit den sozialen Medien können sie überall auf der Welt die Radikalisierung fördern. Das ist jetzt räumlich komplett entgrenzt. Dennoch gibt es auch örtliche Umstände. Die meisten Terroristen, die Anschläge in Frankreich verübt haben, sind in Frankreich aufgewachsen. Das hängt mit sozialen Umständen in den Banlieus der großen Städte Frankreichs zusammen. Dort gibt es hochtoxische Entwicklungen.

M Ich habe ein paar Jahre in Frankreich gelebt, mir ist aufgefallen, dass deine Aufstiegschancen dort sehr stark von deiner Herkunft abhängen.

H Ja, im Land der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gibt es sehr feine Unterschiede. Die Abstufungen im Sozialen sind viel weniger nivelliert als bei uns. Hoffnung auf Aufstieg hat dort oft nichts mit der Realität zu tun. Dazu kommt die koloniale Tradition, die nichts anderes bedeutet als, dass du dieselbe Sprache sprichst, aber trotzdem nicht dazu gehörst. Das wirkt beschleunigend. Auch die strikte Trennung von Religion und Staat in Frankreich erhöht die Aggression im Bereich der Hassprediger, denn sie können sich so noch heftiger gegen den Staat wenden. Hier in Deutschland hat Religion ein deeskalisierendes Momentum. Das soll nicht heißen, dass wir immun gegen diese Gewalt sind, aber es erklärt vielleicht, dass wir es hier nicht mit solchen Extremen zu tun haben. Man hat hier versucht, einen Dialog zu entwickeln, auch in der Erkenntnis, dass das im Kontext der Migrationsentwicklung seit den 50ern vernachlässigt wurde. Ich habe keine Scheu mit Islamverbänden zu sprechen, anders als viele Kollegen:Innen. Natürlich weiß ich, dass man sich da die Finger verbrennen kann. Ich finde es aber dennoch nötig, mit den Verbänden zu sprechen, ohne sie zu glorifizieren. Für eine Auflösung dieser Polarisierung müssen wir mit ihnen sprechen. Ich glaube, ohne solche Gespräche wird die Spaltung noch größer.

M Du bist ja auch ein Migrantenkind, du hast einen schwedischen Vater.

H Er ist Finne, also in Finnland geboren, aber in einer schwedischen Enklave. Die Menschen dort sprechen so ein ganz hartes Schwedisch, nicht elegant und so schön gesungen wie in Schweden. Das Schwedisch meines Vaters wird immer härter, weil inzwischen ja auch noch der deutsche Akzent dazu kommt. Er ist hyperassimiliert. Die AFD würde ihn einen Heimatverräter nennen.

M Habt ihr zuhause auch schwedisch gesprochen?

H Nein, ich bin ein Beispiel für das alte Konzept von Integration und Assimilation. Heute würde man ja sagen, dass Vielsprachigkeit wichtig ist und die kognitive Entwicklung stärkt. Bei uns lag es aber an keinem Konzept, sondern mein Vater wollte einfach nur perfekt Deutsch sprechen. So profan war das. Wenn man nicht früh genug mit den Sprachen beginnt, klappt das nicht mehr. Ich hätte ja sogar dreisprachig aufwachsen können. So gesehen lebe ich ein gescheitertes Migrationsmodell..

M Haben deine Eltern als junges Paar Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit erlebt?

H Gute Frage, da haben wir nie drüber gesprochen. Ich glaube, es gibt keine etablierte Finnenfeindlichkeit in Deutschland. Eher umgekehrt, positive Diskriminierung. Er ist sehr wohlwollend aufgenommen worden. Die Beiden haben sich in Ostwestfalen auf einem Schützenfest kennengelernt. Mehr Klischee geht nicht.

M Ostwestfalen, du bist doch Wuppertaler?

H Ich bin geboren in Wuppertal, aber meine Eltern haben sich in Bünde kennengelernt. Das ist die Zigarrenstadt. Mein Vater hat dort in einer Tabakfirma gearbeitet. Bünde hat eine Städtepartnerschaft mit einer finnischen Stadt und daraus hat sich das alles ergeben.

M Ich war in diesem Jahr häufiger in Bünde. Ich habe den Wahlkampf der SPD Bürgermeisterkandidatin Susanne Rutenkröger fotografiert. Sie hat gewonnen.

H Wow, die SPD kann Bünde gewinnen! Mein Onkel dort ist alter SPDler, vielleicht hat das auch bei mir eine Rolle gespielt, ohne dass wir da viel drüber gesprochen haben. Er hat die klassische Laufbahn gemacht, immer im Ortsverein gearbeitet und sein Leben lang jede Sitzung mitgemacht.

M Vergnügungssteuerpflichtig ist es nicht, sich in der SPD zu engagieren.


H Oh nein. Es ist chronisch schmerzensgeldtauglich, so würde ich es formulieren.

M Wie bist du zum Sozialdemokraten geworden?

H Formal durch Unterschrift 1990 auf dem Mitgliedsantrag, aber es hat sich relativ natürlich entwickelt. Mein Vater ist eher unpolitisch, meine Mutter dagegen ist im Herzen Sozialdemokratin. Immer gewesen. Das hat mich und meinen Themenkanon geprägt: Soziale Fragen und Achtung gegenüber Menschen, gleich welcher Herkunft.

M Ich bin ja nun wirklich kein Sozialdemokrat, aber ich finde dennoch, die SPD kommt in der Regierung, wenn man auf die Umfragen schaut, viel zu schlecht weg. Ich verstehe nicht, warum sie so abgestraft werden.

H Das versteht niemand. Die Berichterstattung über die Arbeit der SPD ist nicht wirklich gerecht. Ich bin immer sehr vorsichtig, was Medienkritik angeht, aber das sagen auch Leute, die sich sehr nüchtern die Medienlage angucken. Bestimmte Muster werden immer wiederholt, so wie bestimmte grüne Themen gehypt werden, ist es bei der SPD immer eine Negativerzählung. Wir haben sicher vieles gemacht, um zu unserem schlechten Image beizutragen, aber unser Performance in den letzten Jahren gibt doch nicht viel Anlass, unsere negative Darstellung zu erklären. Wir sind in eine Verlierererzählung geraten und das ist ein großes Problem. Erfreulich ist es zu sehen, dass es anscheinend doch die Möglichkeit gibt, da rauszukommen. Vielleicht ginge das mit anderen Personen, aber überraschendes Personal gibt es nicht und wir zaubern auch niemanden aus dem Hut.

M Die Wahl der Parteivorsitzenden, war, so denke ich, als Befreiungsschlag geplant, hat das funktioniert?

H Ausserhalb der Partei hatte das keinerlei Wirkung. Innerparteilich hat die harmonische und überraschend lautlose Auseinandersetzung um den Vorsitz sicher für Versöhnung gesorgt.

M Die beiden Vorsitzenden kommen in den Medien kaum vor.

H Saskia Esken ist schon sehr präsent, hat eine ziemlich große Reichweite auf Twitter, sie ist ja auch Mitglied des Bundestages. Es stimmt, sie führen beide kein Dauerleben in den Talkshows. Aber ich denke, wir haben auch ein anderes Problem: wir sind so erwartbar geworden. Die Verlässlichkeit der SPD ist sicher staatstragend. Aber sie sorgt natürlich auch für wenig Überraschung, es fehlen Projektionsflächen und Innovation. Man braucht Figuren, die Hoffnungen aus vielen verschiedenen Richtungen auf sich ziehen. Man kann zu Herrn Habeck stehen wie man will, aber er funktioniert darüber, dass er eine Figur ist, die sich abgrenzt gegenüber dem Parteiestablishment und gegenüber den Abgeordneten. Das ist sein Erfolgsfaktor.

M Der letzte SPDler, der dieses Mediale so richtig gut konnte war Gerhard Schröder.

H Ungeachtet der ganzen Aufregung um ihn, würde genau das auch jetzt funktionieren. Schröder konnte mit Kohlekumpeln genauso wie mit Baselitz oder Lüpertz. Das war für ihn überhaupt kein Problem. Aber Schröder ist natürlich auch ein schwieriges Thema für die SPD. Da gab es viele Traumata: Agenda, Hartz 4, Putin.

M Ich finde es ja komisch, dass er viermal geheiratet hat. Ich meine das nicht moralisch, aber ich persönlich würde nicht immer wieder so schnell heiraten.

H Ich will darüber nicht urteilen, das ist ein sehr liberales Lebensmodell.
 Vielleicht gibt es Menschen, die das brauchen. Ich habe letztens einen Termin mit ihm und seiner Frau gehabt, die beiden wirkten in sich ruhend und glücklich.

M Wie sieht das Leben eines Abgeordneten praktisch aus, lebst du fest in Berlin, hast du hier eine Wohnung?

H Nein, natürlich nicht. In den Sitzungswochen wohne ich hier im Hotel und ansonsten in Wuppertal in meinem Wahlkreis. Ich finde, das muss so sein, wenn man direkt gewählt ist. Ich war zum Studium in Lüneburg, Bielefeld und Düsseldorf. Danach wieder zurück. Wuppertal ist mir heilig.

M Mir ist keine Stadt heilig, ich bin ja aus Bochum, aber meine Ausbildung habe ich hier in Berlin am Lette-Verein gemacht. Danach habe ich schnell das Weite gesucht, ich fand Berlin damals ätzend. Dieses ganze Mauerfallbohei ist mir total auf den Sack gegangen. Ich bin nach Paris geflüchtet und habe dort ein paar Jahre als Fotoassistent zugebracht. Nach Bochum bin ich zurück, weil ich dort Vater geworden bin.

H Aha, nicht wegen Herbert Grönemeyer.

M Nein, wegen Nils Steffen. Ich gehöre zu den wenigen Bochumern die Herbert nicht so super finden. Ich finde seine Stimme etwas hysterisch.

H Ich habe ihn immer mit Begeisterung gehört, zum Beispiel das Album Ö. Ich finde, er ist eine Ikone der deutschen Musik, er macht gute Texte. Dagegen finde ich seine politischen Einlassungen schwierig. Gar nicht mal inhaltlich, aber dieser Habitus, diese gewisse Arroganz gegenüber dem „niederen“ politischen Geschäft ist manchmal zu spüren. Wobei er ja eine klare Haltung und Werte hat. Das kann ich nicht in Abrede stellen.

M Es gibt eine tolle Single von Wiglaf Droste zusammen mit Bela B. von den Ärzten. Die heißt „Grönemeyer kann nicht tanzen.“ Sehr lustig.

H Die kenne ich nicht, wie haben sie festgestellt, dass er nicht tanzen kann?

M Das ist nicht so schwer, man muss nur hinschauen.

H Wer weiß, vielleicht dreht er völlig auf, wenn er privat Walzer tanzt. Oder er ist ein heimliches Tanzgenie und spielt auf der Bühne nur den Schlechttänzer. Konzeptuelles Schlechttanzen.

M In dem wird Text behauptet, dass Joe Cocker der Choreograph von Herbert ist.

H Joe Cocker, Rest in Peace! Wiglaf Droste ist ja auch kürzlich gestorben. Traurig. Nur die Ärzte erleben gerade ihren gefühlt 100. Frühling.

M Du bekommst viel fiese Post. Was kommt darin so vor?

H Zumeist sind es Morddrohungen. Meine Abschlachtung wurde schon ausgeschrieben, Kopfgelder wurden ausgesetzt. Man will mich mit 17 Kugeln peu a peu erschießen. Oder schächten, das Herz rausreissen, den Hals lüften, also den Kopf abschneiden. Solche Dinge.

M Was macht das mit Dir?

H Das ist die Frage aller Fragen. Das kann ich gar nicht so genau sagen. Ich glaube, ich bin da relativ gelassen. Aber ich merke schon, dass ich manchmal reizbarer bin. Insgesamt habe ich da eine ziemliche Ignoranz entwickelt, also nicht, das alles nicht wahrzunehmen, sondern das alles wie ein Aussenstehender zu betrachten.

M Hast du Personenschutz?

H Ich stimme mich mit der Polizei ab. Permanenten Schutz habe ich noch nicht, aber natürlich bei Veranstaltungen. Ich habe private Angebote von Sicherheitsdiensten. Da haben sich Menschen bei mir gemeldet und gesagt das sie mir helfen möchten. Das waren Menschen die selbst auch schwierige Erfahrungen gemacht haben. Sie haben das Gefühl, dass ich für sie den Kopf hinhalte und sind solidarisch. Ich hatte sogar ein Angebot von einem Rockerclub, der mich beschützen wollte. Aber da bin ich nicht drauf eingegangen, ich kann mir nicht vorstellen, von den Hells Angels oder den Osmanen Germania beschützt zu werden.

Wir gehen zu dritt nebeneinander zur nächsten Location, aussen an den Säulen des Reichstages.

H Das ist jetzt so ein richtiger Troika-Marsch, wie damals in dem Wahlkampfvideo mit Scharping und den anderen. Warum machen wir nicht ein Musikvideo? Stell dir vor, die Ärzte machten für mich ein Wahlkampfvideo, das wäre der Knaller.

M Ist Bela B Sozialdemokrat?

H Ist mir egal. Hauptsache er sagt: Wählen Sie Helge Lindh! Die könnten ja eigentlich mal einen Song für mich schreiben. Zum Beispiel “Curio holt sich einen runter“. Oder ist der Titel zu böse?

M Oder wir fragen die Kassierer, die hätten da sicher kein Problem. Außerdem ist Wolfgang Wendland Sozialdemokrat. Hast du mitbekommen, neulich ist in Amerika ein Journalist gefeuert worden, weil er sich in einer Zoomkonferenz einen geschrubbt hat.

H (lacht) Wie, vor dem Computer? Wusste er nicht dass er on air war?

M Da gehe ich mal von aus, sonst wäre das doch noch schräger.

H Vielleicht wollte er berühmt werden, man tut ja so manches um berühmt zu werden. Aber jetzt muss er seine Nebentätigkeit zum Hauptberuf machen. (lacht)

M Es gibt eine Methode, wie man sich sein Pornodarstellerpseudonym basteln kann. Nachname ist der Geburtsname der Mutter, Vorname ist der Name deines ersten Haustieres. Mein Pornoname wäre Bobby Höcker.

M Ich habe leider kein Haustier gehabt. Aber der Mädchenname meiner Mutter war Karras. Damit kann man doch bestimmt etwas machen. Wie wäre es mit Rex? Rex Karras? (lacht). Das ist doch der Pornoname überhaupt. Der hat etwas sehr amerikanisches aber auch etwas sehr deutsches. Helge Lindh aka Rex Karras. Was fotografierst du sonst so?

M Ich fotografiere praktisch nur Menschen, das aber fast überall auf der Welt. Vom Slum in Lateinamerika bis hier zum deutschen Bundestag. Ich habe in diesem Jahr viel Wahlkampf fotografiert. Bestimmt in zehn Städten in NRW. Das hat mir bei Corona schon etwas den Hintern gerettet. Politiker fotografiere ich schon sehr lange, Thomas Eiskirch, den Oberbürgermeister von Bochum knipse ich schon seit den neunziger Jahren.

H Ich kenne ihn aus meiner Zeit als Mitarbeiter im Landtag. Ist er wiedergewählt worden?

M Ja, mit fast 62 Prozent. In Bochum läuft es ziemlich gut, auch für Thomas. Er macht einen guten Job und hat keine Fehler gemacht.

H In Bochum sind die Grünen nicht ganz so stark. Bei mir in Wuppertal ist das anders. Da gibt es schon diesen Effekt den man aus Köln oder Düsseldorf kennt. Da beanspruchen Grüne inzwischen das Direktmandat. Bei der letzten Bundestagswahl hatten sie 8 oder 9 Prozent, bei der letzten Kommunalwahl haben sie Rathäuser gewonnen. Das ist ungeheuer schnell gekippt. In Wuppertal gibt es eine Sozialstruktur wie im Ruhrgebiet, aber das Wahlverhalten ist wie in Düsseldorf.

M Wir haben ja eben unterbrochen, über die Probleme der SPD zu sprechen. Liegt das ganze, neben der Kommunikation nicht auch daran dass sie ganze Wählerschichten verliert? Den klassischen Malocher der 80iger Jahre gibt es doch immer weniger.

H Ja, das ist sicher so. Viele sagen, wir haben uns nicht genug nach den Wähler:innen gerichtet, aber das halte ich für einen Mythos. Sicherlich sind einzelne Wähler:innen enttäuscht, das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Das Stammmilieu der SPD hat sich total verändert. Manche Wähler:innen sind aufgestiegen und wählen nicht mehr die SPD, andere sind abgestiegen und wählen jetzt AFD. Wir haben uns nicht um die Soloselbstständigen gekümmert und unser jetziges Milieu aus Lehrern und Menschen im öffentlichen Dienst hat auch breitere politische Interessen.

M Vielleicht ist die SPD Opfer des eigenen Erfolges. Vielleicht sind zu viele Menschen aufgestiegen?

H Dazu gibt es interessante Theorien von dem Berliner Soziologieprofessor Andreas Reckwitz. Die Mittelschicht spaltet sich immer weiter auf, in einen urbanen, freiheitsorientierten modernen Teil und einen eher heimatverbundenen, durch Angst vor Veränderung getriebenen. Wir als SPD verlieren bei beiden. Die einen wählen eher Grün um ein gutes Gefühl zu bekommen aber dennoch kapitalistisch leben zu können. Für die anderen, die ängstlich Veränderungen gegenüber stehen sind wir keine politische Heimat mehr, weil wir ihnen gesellschaftspolitisch zu fortschrittlich sind. Viele Berufsmilieus gibt es einfach nicht mehr in der Form. Industriearbeiter sind nicht mehr so organisiert und wählen auch nicht mehr automatisch SPD.

M Mein Problem mit der SPD ist eigentlich nur, dass sie, gerade bei uns in NRW so sehr an Kohle gebunden ist. Zuerst an die Steinkohle im Ruhrgebiet, jetzt an die Braunkohle. Diese Nähe zur IGBCE stört mich.

H Das hat sich schon geändert, die SPD ist deutlich grüner geworden, das wird aber nicht wahrgenommen. Es gibt auch die Theorie von Sigmar Gabriel, der sagt, ihr seid viel zu grün geworden, ihr müsst mehr für die Verbrennungsmotorenfreunde tun. Er meint das Milieu, dem Umweltschutz zu anstrengend ist. Die Menschen, die Autos lieben und gerne Schnitzel essen. Da hat vielleicht wirklich eine Entfremdung stattgefunden. Die SPD hat auch noch nicht gerafft, dass sich gerade neue soziale Fragen auftun. Zum Beispiel, die der hybriden Arbeitswelten: jetzt bei Corona sieht man, wie prekär alles eigentlich ist. Die Krankenversicherung funktioniert nicht, die Altersvorsorge auch nicht. Das Dienstleistungsprekariat wird nicht zur Stammwählerschaft, die finden ja innerhalb der SPD gar nicht statt.

M Im Moment sind doch Veränderungen beim Arbeitsschutz im Gespräch, Stichwort Tönnies.

H Das bremst die CDU gerade. Dieses Thema ist, sowohl was Tierschutz, die gesundheitlich Dimension, als auch was die Arbeitsbedingungen und den Umgang mit Menschen angeht völlig pervers. Wir haben das viel zu lange laufen lassen. Dass der Tönnies damit durchkommt ist für mich unfassbar. Ich hatte den schon satt, als er seine rassistischen Sprüche rausgehauen hat. Da kannst du mich zitieren. Helge Lindh: „Tönnies ist ein Arsch.“

M Guter Titel für die Geschichte

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