
Dorsten im Sommer, es ist heiß. Björn Freitag kommt gerade gut gelaunt von einem Dreh an der Mosel.
MS Glückwunsch, ihr habt schon wieder euren Michelin-Stern behalten. Manche sagen, Sterne sind nicht mehr so wichtig.
BF Ich habe den Leuten, die einen Stern verloren haben und dann gesagt haben, sie seien nicht mehr zeitgemäß, nie so richtig geglaubt. Das kann nicht sein, dass man so etwas behauptet. Wir haben unseren Stern in den letzten Jahren immer gerne verteidigt, aber es wird immer schwerer. Nicht den Stern zu halten, sondern grundsätzlich diese Art von Gastronomie zu machen. Wir haben in allen Bereichen Personalschwund, die Personalkosten kannst du fast nicht mehr tragen. Das Geschäft ist sehr arbeitsintensiv und das kostet. Ich bin jetzt schon bei fünfzig Prozent Lohnkosten. Die Ware ist auch teurer geworden und die Energie auch. Es ist sehr sehr schwierig. Ich fand gut, dass Tim Mälzer neulich mal im Stern die Kosten für ein gutes Schnitzel hochgerechnet hat. Die Portale bringen immer nur Headlines, wie „bei Nelson Müller kostet die Currywurst 34 Euro.“ Und später, und nur ganz klein liest man dann, dass da Champagner mit dabei ist. Ich finde es schlimm, wenn Luxus, gerade im Food-Bereich so reißerisch auseinander genommen wird. Es stört niemanden, wenn sich ein Influencer eine Uhr für 100.000 Euro ans Handgelenk legt. Aber warum wird es redaktionell zerrissen, wenn jemand, wie hier Nelson, sich etwas traut, und sagt, Currywurst mit Champagner kosten 34 Euro. Die muss doch niemand bestellen.
MS Glaubst du, Champagner ist ein guter Currywurstbegleiter?
BF Das kann ich gar nicht sagen, das kommt auf die Soße an. Ich wäre da, glaube ich eher bei einem halbtrockenem Champagner. Ich glaube, die passen besser zu der süßen, leicht scharfen Soße.
„Wir haben unseren Stern in den letzten Jahren immer gerne verteidigt, aber es wird immer schwerer diese Art von Gastronomie zu machen“
MS Ich habe einmal einen Koch in Essen fotografiert, vor langer langer Zeit, der hatte ein Pizza für 800 DM auf der Karte. Einfaches Prinzip, auf die Pizza kam alles was teuer ist, Kaviar, Hummer, Austern, Trüffel. Wenn man die bestellt hatte, bekam man eine Urkunde um dann später die Wetten bei seinen schnöseligen Freunden zu gewinnen.
BF Das klingt, nach dem Klischee von Neureichen. Ich habe mal vom teuersten Menü der Welt gelesen. Nur superteure Produkte, egal ob passend oder nicht. Und dazu den 89iger Haute Brion, da kostet die Flasche dreitausend Euro im Einkauf. Dazu fällt mir nichts ein.
MS Der „Pizzabäcker“ hat vorher auf der Yacht vom Kashoggi (Anm. Berühmter Waffenhändler der 70er Jahre) gekocht.
BF Da hat er wohl kochen gelernt.
„So einen Laden zu machen kostet Nerven. Und wenn da nichts bei rumkommt, kannst du eigentlich auch zumachen.„
MS Manchmal könnte man meinen, den Deutschen ist es unangenehm, fast peinlich, viel Geld fürs Essen auszugeben. In Frankreich ist das kein Problem. Wie siehst du das?
BF Ich glaube, da hat sich in den letzten zehn Jahren schon was in Deutschland getan. Wenn man mal früher sieht, so vor 20, 30 Jahren, da gab es zwar schon viele Sternerestaurants, aber so eine ungesunde Mitte. Gutbürgerliche Restaurants, die ihre Soßen aus der Tüte gemacht haben und viel aus der Dose gekocht haben. Ich finde, mittlerweile gibt es einen gesunden und tollen Mittelbau in der Küche. Der ist natürlich nicht billig, denn überall wo kreativ gekocht wird und gute Produkte im Spiel sind, kostet das nun mal Geld. Es gibt diese Menschen, die gehen teuer essen, aber reden da nicht drüber, weil sie Angst haben in diesen Zeiten über Luxus zu sprechen. Denn jeder stöhnt über die Inflation, ich übrigens auch, und deshalb halten sich viele Menschen zurück, und erzählen nicht unbedingt, dass sie für dreihundert Euro gegessen haben. Muss man ja auch nicht drüber reden.
MS Und trotzdem bleibt ja bei den Fine-Dining Läden zu wenig hängen.
BF Was mich so stört ist, dass ich gefühlt mein Restaurant seit ein paar Monaten subventioniere. Und das kann doch eigentlich nicht sein. So einen Laden zu machen kostet Nerven. Und wenn da nichts bei rumkommt, kannst du eigentlich auch zumachen. Das alles ist ja kein Hobby. Trotzdem hänge ich natürlich auch sehr am Laden und ich hoffe, dass es wieder besser wird.

MS Woran liegt es, deiner Meinung nach?
BF Wir haben zu wenig Mitarbeiter im Service, in der Küche haben wir genug Leute. Das bedeutet, dass wir die Pferdestärken, die wir in der Küche haben, gar nicht auf die Straße bringen. Wir müssen das Restaurant immer bremsen. Dasselbe habe ich von verschiedene Kollegen gehört. Einige haben am Tag fünfzig Couverts gemacht und sind jetzt bei dreißig, weil sie es nicht mehr an den Tisch kriegen.
MS Das bedeutet, ihr macht mehr Ruhetage?
BF Nein, wir bremsen die Gästezahl runter. Wir machen weniger Couverts. Wir haben ein Buchungssystem und das kann man auf beliebige Gästezahlen einstellen.
MS Das bedeutet du hast genauso oft geöffnet, aber weniger Gäste an den Tischen?
BF Ja genau, aber bald machen wir es doch anders. Nach Corona war es so, dass wir jeden Tag die Bude voll hatten. Wir konnten uns gar nicht retten vor Tischreservierungen. Da habe, mit Blick auf meine Mitarbeiter entschieden, am Wochende zu schließen. Mir kann es ja egal sein, ob die Menschen am Wochenende oder in der Woche kommen. Es gibt ja eh genug zu tun. Jetzt merke ich aber, dass wir eine krasse Zurückhaltung in der Woche haben. Gerade Dienstage und Mittwoche sind eher schlecht. Ich führe jetzt eine Viertagewoche ein und öffne wieder am Samstag. Weil an Freitagen und Samstagen sind wir immer safe ausgebucht. Das Schließen am Wochenende war echt eine schlechte Idee von mir.
MS Douce Steiner aus Sulzbach hat das Mittagsservice eingestellt.
BF Ja das habe ich von vielen gehört, aber das ist auch schlecht, wenn in Urlaubsgebieten die Menschen mittags nichts mehr zu essen bekommen. Ich kenne da keine Lösung. Viele schieben es auf Corona, aber es war schon vorher schwierig, Mitarbeiter zu finden. In den Lockdowns sind dann noch zusätzlich viele Leute in andere Jobs gegangen.
„KI könnte vielleicht beim Food-Pairing helfen, da traut man sich ja oft nicht ran.„
MS Vielleicht kommen diese Leute zu euch zurück, wenn die KI ihre Jobs gefressen hat. Das ist der Vorteil in der Gastro, die KI hilft nicht beim Kochen. Die kann vielleicht irgendwann für dich Kochbücher schreiben, aber nicht Zwiebeln schneiden. Ich habe neulich einmal aus Spass Chat GPT Restaurantnamen entwickeln lassen und die Speisekarte dazu. Das war lustig. Vielleicht kann das Programm ja für dich Rezepte schreiben?
BF (lacht) Nein, wir Köche sind ja oft keine Rezeptmenschen. Für Einlegefonds oder Teige brauche ich Rezepte, aber sonst koche ich Freischnautze.
MS Wie bekommst du es hin, dass die Gerichte immer gleich schmecken? Oder muss das gar nicht sein?
BF Bei den Soßen muss man immer wieder probieren beim Einkochen. Und man bekommt mit der Zeit auch ein Gefühl für die Zutaten und die Mengen. KI könnte aber vielleicht beim Food-Pairing helfen, da traut man sich ja oft nicht ran. Da setzt sich oft das Altbewährte durch. Ich könnte mir zum Beispiel nicht vorstellen, zum Rehrücken Tomate zu geben. Die Vorstellung ist für mich grauenvoll. Das hat übrigens neulich ein Kandidat bei der Küchenschlacht gemacht. Und (lacht sehr laut) das hat auch grauenvoll geschmeckt. KI wäre super beim Food-Pairing in Zusammenhang mit Saisonialität und Regionalität. Da verlieren wir Köche schnell den Überblick. Die KI könnte ein Liste schreiben und zehn Produkte vorschlagen, die gerade Saison haben, dazu noch eine Quersumme von hundert Produkten, die man jeweils kombinieren kann. Das fände ich für meine Arbeit spannend.
MS Ich benutze ein Buch, das heißt der Geschmacksthesaurus. Immer wenn ich etwas kombiniere und nicht sicher bin, schaue ich darein. Gerade mit den starken Aromen kann eine Kombi ja auch richtig nach hinten losgehen. Neulich habe ich Austern mit Wassermelone kombiniert, das habe ich dann auch im Buch gefunden.
BF Mich würde dann immer auch der passende Wein dazu interessieren. Neulich hatte ich einen Weißwein von den Azoren, der war leicht salzig. Mein Gärtner hat mir Austernkraut gebracht. Wahnsinn, das schmeckt so krass nach Auster. Damit kannst du in Perfektion eine Auster imitieren. Und dazu war dann der salzige Wein perfekt. Solche Sachen mit den Kombis würde ich gerne auch im Fernsehen machen, aber das geht nicht. Es gibt so strenge Werbeverbote. Da kannst du keinen Wein empfehlen. Bei Biolek früher stand immer der Wein mit Etikett auf dem Tisch. Das geht heute gar nicht mehr.

MS Aber im Privatfernsehen geht das doch, oder?
BF Die kleben auch immer mehr ab. Stell dir vor, die haben einen Großsponsor, zum Beispiel Blanchet, der würde es doch nicht zulassen, dass andere Weine gezeigt werden. Auch schwierig.
„Ich mache im Fernsehen, die Küche, die man selber zuhause kocht und die ich auch privat mache.“
MS Du kümmerst dich doch in deinen Fernsehsendungen eher um einfachere Küche, oder?
BF Ich mache im Fernsehen, die Küche, die man selber zuhause kocht und die ich auch privat mache. Im letzten Jahr habe ich mal für die Mediathek etwas gemacht, das heißt „Gourmetgeheimnisse“ Da hatte ich auch andere Sterneköche. Das war sehr anspruchsvoll, ist aber, wenn man ehrlich ist, nicht so gut gelaufen. Das sieht man auch bei anderen Kochsendungen, die Leute kochen nur das nach, was sie sich auch zutrauen. Du kannst den keinen Sud vorschlagen, der 10 Stunden kochen muss. Da haben die meisten kein Bock drauf. So etwas müssten kleine Spartensender machen, in denen es dann nur um Kulinarik geht und die dann gesehen werden, von Leuten die richtig kochen können.
MS Ich bin ziemlich erfahren in der Küche, weil ich das schon so lange fast täglich mache. Wenn ich in normale Restaurants gehe, weiß ich immer, wie man die Teller kocht, wie man es macht. Nicht, dass ich das immer besser könnte, vor allem nicht bei einem großen Service, aber ich weiß immer wie es geht. Bei Wißler im Vendome war das anders, da habe ich davor gesessen und wusste absolut nicht wie das gemacht ist. Die Weinauswahl war auch ganz toll. Zum Fisch gab es einen gekühlten, leicht moussierenden portugiesischen Rotwein. Da wäre ich niemals draufgekommen.
BF Das ist so ähnlich wie der Lambrusco, der wird in der Gegend von Modena auch mittags gekühlt zum Essen getrunken. Der Lambrusco hat ja nur hier so einen schlechten Ruf. Es gibt Flaschen, die kosten 15, 20 Euro im Einkauf. Und diese Weine sind richtig schön.
MS Es gab auch einen kanadischen Weißwein, ich wusste gar nicht, das dort Wein gemacht wird. Der profitiert wohl von kalten Nächten.
BF Kühle ist immer gut für Wein. Meine Lieblingsweine kommen aus den Regionen rund um die Pyrenäen. Die bekommen tagsüber die Sonne und nachts die kühle Pyrenäenluft. Ich war vor ein paar Jahren einmal in Luzern, da waren wir für „Grenzenlos“ in einem Kräuterhotel. Ich bin mit dem Koch in die Berge zum Kräuter pflücken gegangen. Da war ich sehr genervt, der Aufstieg war schwierig, und ich habe gedacht, jetzt musst du fürs Fernsehen zum tausendsten mal Kräuter sammeln, aber dann wurde das doch ein ganz krasses Erlebnis. Egal, in welches Blatt ich gebissen habe, ich hatte noch nie einen solchen Geschmack. Und das, so hat mir doch Koch erklärt, liegt an der Höhe. Durch die kalten Nächte muss die Pflanze viel mehr arbeiten, viel mehr Energie aufwenden und das geht dann in den Geschmack. Deshalb schmeckt dort auch eine banale Petersilie doppelt so intensiv wie die aus dem holländischem Gewächshaus. Ich finde das Thema spannend, nur wer hat schon einen Kräutergarten auf 1800 Meter Höhe. Mich haben immer Köche fasziniert, die ihre Restaurants am Meer oder hoch in Bergen haben, gerade in den französischen Alpen. Da wird dann morgens frisch in den Hütten die Butter gemacht. Die Köche dort haben krasse Lieferanten und da muss ich leider zugeben, dass ich ein wenig neidisch bin. Hier haben wir natürlich auch tolle Lieferanten, Perlhühner oder Waguyrind aus dem Münsterland oder Kräuter, aber die sind dann aus Plantagen. Man muss leider sagen, dass das Ruhrgebiet da nicht ganz mithalten kann. Das ist einer der Gründe für den Erfolg der nordischen Küche, wenn du dich dort auf das Meer und den Wald einläßt, findest du Sachen, die kann man gar nicht kaufen.

MS Ich finde, eine der interessantesten Küchen ist die peruanische.
BJ Oh ja, da sind wir genau beim Thema, das Meer und die Anden. Das „Central“ in Lima ist wieder zum besten Restaurant der Welt gewählt worden. Die machen ein Menü nach Höhenmetern, fangen auf Normalnull an und kochen sich in die Berge. Da will ich einmal essen. Peru steht für mich ganz obenauf der Reiseliste, obwohl ich nicht gerne lang fliege. Und ich würde mir auch gerne in der Atacamawüste einmal nachts den Sternenhimmel anschauen.
MS Die peruanische Küche ist mit Abstand die beste Küche in Lateinamerika. Denn die ist oft, um ehrlich zu sein nicht wirklich gut. Die Peruaner interessieren sich sehr für Essen und Kulinarik. Es gibt Kochvereine, die Strassenevents veranstalten, die berühmte Kochschule „Le Cordon bleu“ hat in Lima einen Campus. Köche sind hochangesehen, so dass auch die Kids aus den reichen Familien, die nicht Jura studieren wollen oder können, einen angemessenen Job finden können. Ausserdem gab es in Peru schon im vorletzten Jahrhundert asiatische Einwanderung. Die Chinesen haben eine eigene Küche kreiert, die heißt Chiffa, auch sind viele japanische Einwanderer gekommen und haben ihre japanisch/peruanische Nikkeiküche entwickelt. Das alles kommt in der peruanischen Küche zusammen.
BF Spannend, es gibt ja einige Gourmetrestaurants in Lima, aber wie ist die Bistrotküche dort? Gibt es günstige Restaurant die aber auch schon kreativ sind ?
MS Klar die gibt es, es gibt Restaurants, die du auch im Kiez in Berlin oder Hamburg finden könntest. Es gibt auch tolles Streetfood. Vor allem außerhalb der guten Gegenden von Lima. In den Bergen gibt es ein Gericht, das heißt Pachamanca, da wird Fleisch in Erdlöchern gebraten. Das kommt aus der Quetchua Küche. Sehr lecker.
BF Wie kommst du mit der Höhe klar? Das ist doch eigentlich ein gutes Training für die Lungen.
MS Ich komme damit gut klar, man trinkt sehr viel Mate de Coca, das ist ein Tee aus aus Kokablättern, aber ich fühle mich auch oft ganz schön schlapp, Treppensteigen ist anstrengend und der Fotorucksack wird schwer. Man kommt sich vor wie ein alter Mann. Ich habe mal eine Woche in El Alto in Bolivien gearbeitet, das ist auf viertausend Meter Höhe. Das war heftig. Es gibt eine Passstraße von Lima in den Regenwald da passiert man ein Höhe von fast 5000 Metern, da habe ich mich schon etwas flau gefühlt. Aber in dieser Höhe gibt es Bergwerke, wo schwer geschuftet wird. Unvorstellbar. Übrigens in einer Truckerkneipe an dieser Straße habe ich sehr gutes Meerschweinchen gegessen.
BF (lacht) Im Moment sind hier ja auch die Nutrias in aller Munde, ein Essener Metzger bietet die an. Die heißen auch Sumpfbiber und sind mit der Ratte verwandt. Aber an Nutrias ist richtig viel dran.
„Viele Kollegen kämpfen ums Überleben und ich glaube, da sind neue Trends gerade gar nicht so gefragt.“
MS Die Meerschweinchen in den Anden sind auch viel größer als die deutschen aus den Kinderzimmern. Wenn man ans Nutria denkt, was glaubst du gibt es im Moment an Trends?
BF Es gibt ganz klar einen Trend und das ist Vegetarisch. Aber im Moment machen die Kollegen eher weniger Experimente. Einiges ist da gerade eingeschlafen, sicher weil viel Kollegen in Not sind. Viele kämpfen ums Überleben und ich glaube, da sind neue Trends gerade gar nicht so gefragt. Man sollte jetzt in einem Gourmetmenü zwei oder drei Gänge vegetarisch kochen. Das kommt der Nachhaltigkeit zu Gute, aber auch dem eigenen Wareneinsatz. Ich fand es immer schon blöd, wenn Leute sich beschweren, dass man nicht überwiegend teure Produkte auf der Karte hat. Da wird dann ja die Arbeitsleistung gar nicht wertgeschätzt. Wenn wir fünf Dinge aus der Karotte machen, da einen Schaum, hier ein Pulver und dann wickeln wir noch etwas Asche drumherum. Das wird dann nicht wertgeschätzt, weil keine Jakobsmuschel dabei ist. Der Trend muss auf Dauer, die Wertschätzung der Arbeitsleistung sein. Einen anderen Trend sehe ich aber auch, die Convenience Industrie wächst wie verrückt. Ich sehe, dass die mal richtig gut werden. Ich habe mal mit einem Zulieferer ein paar Produkte entwickelt, nicht für hier, sondern für Kollegen, weil ich weiß wie schwierig die Personalsituation ist. Dieser Hersteller hat mich eine Steinpilzpraline probieren lassen, die war so gut, ich hätte gedacht, die kommt von einem Sternekollegen. Dass das ein TK Produkt ist, hätte ich nie für möglich gehalten.
MS Also einfach aus der Tiefkühltruhe in die Fritteuse?
BF Früher hat man ja immer gelästert über alles was aus der Fritteuse kommt, aber ich muss sagen, wenn das Fett frisch ist das super. Ich halte inzwischen die Fritteuse für ein unterschätztes Gerät. Neulich habe ich in Berlin eine Currywurst gegessen, da war die Sauce schlecht, nur warmer Ketchup und ohne Liebe gekocht. Nur die Wurst war total kross, weil der die in der Fritte gemacht hat. Wenn man hier Currywurstbuden sieht die nicht gut laufen, dann liegt das oft daran, dass die Wurst zu spät auf den Grill kommt und dann nicht schön braun und leicht souffliert wird. Da finde ich so ein frittierte Wurst echt besser. Deswegen finde ich die Fritte nicht völlig verkehrt, vorrausgesetzt es ist ein gutes und frisches Fett. Wir haben hier aber keine Fritteuse, weil der Geruch immer durchs ganze Restaurant zieht, das schafft keine Dunstabzugshaube.

MS Ich mache gerne belgische Pommes frisch, da stinkt auch die ganze Bude, aber lecker.
BF Ja, sehr lecker. Was ich nicht aus der Friteuse mag ist Pizza. Pizza Fritta gibt es in Neapel an jeder Ecke. Da wird die Pizza zu einer Calzone geklappt und ins Fett geschmissen. Dann bekommst du die heiß auf die Hand und das das Ding tropft, das alles zu spät ist. Der Boden vor der Bude war total fettig, da konnte man gar nicht mehr laufen. Schwer zu essen. Trotzdem ist für mich die italienische Küche eine der besten der Welt. Gerade die Alltagsküche, die koche ich auch zuhause. Es gibt einen tollen Blog, der heißt Splendido. Da wird die italienisch Küche im Detail beschrieben. Sehr spannend zu lesen und man versteht dann auch, warum das Essen in Italien oft authentischer schmeckt. Irgendwas machen wir Deutschen dann doch öfter falsch. Übrigens ich mach gerade eine Sendung über Konserven. Ich werde keine Dosentomaten mehr kaufen. Darin ist Bisphenol A, das kommt aus der Beschichtung. Es gibt noch keine Langzeitstudien über die Schädlichkeit. Das Zeug ist selbst in den teuren Dosen.
MS Aber Tomaten gibt es doch auch in Flaschen. Bei Dosentomaten sollte man auch aufpassen, ob Zitronensäure zugesetzt ist, dann sind die nämlich in Lauge geschält. Die Zitronensäure soll danach neutralisieren. Das ist dann oft billige Chinaware.
BF Zitronensäure ist ekelig, fast alle der Nordseekrabben im Supermarkt sind damit haltbar gemacht. Und schmecken auch so. Wenn du einmal eine frisch gepulte Krabbe gegessen hast, willst du den Müll nicht mehr essen.
„Wir klären nicht nur über Missstände auf, sondern zeigen auch schöne Dinge. Die Menschen sollen Lust bekommen etwas Neues auszuprobieren“
MS Siehst du deine Kochsendungen auch als pädagogische Arbeit? Geht es darum besseres Essen und besseres Kochen zu vermitteln?
BF Ich arbeite ja für den WDR, da machen wir keine Halligalli-Sendungen. Man sagt ja, die Öffentlich-rechtlichen haben einen Bildungsauftrag und ich glaube, dass wir den sehr gut umsetzten. Mit dem „Vorkoster“ waren wir vor zwölf Jahren die ersten, die über Lebensmittel aufgeklärt haben. Ich glaube das ist immer noch eine wichtige Sendung. Wir klären nicht nur über Missstände auf, sondern zeigen auch schöne Dinge. Die Menschen sollen Lust bekommen etwas Neues auszuprobieren oder wir geben ihnen die Informationen die sie brauchen um bessere Produkte zu bekommen. Durch die Sendung bin ich zu einem wandelnden Lexikon geworden. Es gibt keine Lebensmittelindustrie, in der ich noch nicht war, ich kenne jeden Produktionsschritt, ich kenne jegliche Zusatzstoffe die verarbeitet werden. Ich bin stolz, dass die Sendung schon so lange läuft, sie ist mein Baby.
MS Es gibt aber auch die Sendung, wo du in Familien gehst und ihnen zeigst wie man billiger und gesünder kochen kann.
BF Das ist für mich eine lustige Sendung, aber viele gucken sich sicher doch etwas davon ab. Da gehts es darum, dass die Familien ihre Fixtüten rauswerfen und mehr frisch kochen. Das ist wichtig, vor allem für die Kinder damit man sie mitnimmt und sie schon früh gutes Essen kennenlernen.
„Ketchup ist eine geschmackliche Diktatur.“
MS Ich habe das Gefühl, dass sich Deutschland zunehmend polarisiert. Und Ernährung ist da sicher eine der Kampflinien. Wie ist da deine Position?
BF Ich fürchte, ohne ein paar Erziehungsmaßnahmen kommen wir nicht aus. Currywurst und panierte Schnitzel sind das beliebteste Essen in den Betriebskantinen. Es gibt Menschen, die essen das jeden Tag. Ich denke, nur mit Predigten kommen wir nicht weiter, ich denke, da muss man aktiv an den Speisekarten etwas verändern. Da muss ich die Mitarbeiter ein wenig erziehen. Ich finde es sinnvoll, wenn VW die Currywurst von der Karte nimmt. Wenn man das jeden Tag isst, ist das ja nicht nur total ungesund, sondern auch eintönig. Man wird auf diese starken Geschmäcker konditioniert. Ketchup ist geschmackliche Diktatur. Zucker, Säure, Tomate und Salzigkeit. Wenn du das jeden Tag isst, schmecken dir andere Dinge, zum Beispiel eine Kartoffel mit einem milden Quark einfach fade. Auch das Natriumglutamat, das hat die Leute konditioniert. Meztger tun das immer noch in ihre Wurst, weil sie Angst haben, sie würde sonst den Kunden nicht mehr schmecken. Von dieser Geschmackskonditionierung müssen wir weg. Und ich glaube, die Restaurants und Kantinen sollten die Menschen von diesen irren Geschmacksstoffen wegbringen. Ich kann mich an meine Vater erinnern, der hat an jede Suppe ohne zu probieren Maggi drangemacht. Das ist auch Glutamat. Du hast irgendwann ein falsches Empfinden für Geschmäcker und wenn das schon bei Kindern beginnt, dann wird es später schwierig, dann schmeckt eine einfache Karotte, vielleicht mit einem Hauch Salz, nur noch langweilig.
MS Mc Donalds funktioniert doch genauso ?
BF Klar, die arbeiten viel mit Ketchup, Fettigkeit und Süße. Und sehr wichtig, es gibt dort eine gewisse Fluffigkeit. Du isst so einen Burger in Nullkommnichts weg. Da sind auch keine Ballaststoffe drin, da kannst du ganz schnell ein paar von weghauen. Der Körper muss nicht viel Energie aufwenden um das zu verdauen, das geht so durch. Das Geheimnis dabei ist, dass es so ein wahnsinnig bequemes Essen ist. Ich habe früher öfters bei Mc Donalds gegessen, auch viele Köche, die ich kenne. Man ist da nachts hingefahren, wenn man nicht schlafen konnte und keinen Bock hatte, etwas zu kochen. Ich mache das fast nicht mehr, ich würde allerdings gerne bald den neuen Big Mac probieren. Wir Ruhrgebietler schwärmen ja immer von der Currywurst, die ist genauso schlimm. Das sind alles Genußmittel wie Bonbons und Schokolade. Das ist nicht unser tägliches Brot. Auf der anderen Seite glorifizieren viele Menschen das Obst zu sehr. Zu viel davon ist auch nicht gut. Zuviel Zucker. Fruchtsäfte sind furchtbar ungesund für manche Menschen. Also hier meine Predigt: Gemüse Gemüse Gemüse.