Dimitrij Schaad Übers Ankommen und Drankommen

Bornholmer Brücke Berlin, Ende Oktober 2020, ein Tag vor dem zweiten Lockdown. Es dämmert und es ist kalt.

M Ich weiß, das ist keine besonders originelle Frage: Wie ist es dir ergangen, in der Pandemie?

D Ach ja. Eigentlich sollte das mein Jahr werden. Mein Durchbruch. Die Känguruh-Chroniken sind ins Kino gekommen aber leider sofort von Corona ausgebremst worden. Dabei hatten wir ganz fantastische Zahlen. Fast 400.000 Zuschauer am Startwochenende. Das war für die Produktionsfirma der beste Start seit „Goodby Lenin“, dann wurde der Film schlagartig gestoppt, was erstmal bitter war. 

M Du machst jetzt Kino, fest an einem Theater bist du nicht mehr?

D Ich war so ein wenig theatermüde geworden nach zehn Jahren. Ich habe sehr viele Vorstellungen gespielt, mein ganzes Leben danach ausgerichtet. Ich glaube, das geht jedem Kreativen so, sobald man merkt, man langweilt sich in dem, was man tut, sollte man etwas verändern. Ich habe neulich einen Podcast mit David Letterman gehört. Er hat  gesagt, für ihn kam der Moment aufzuhören, als ihn sein Sohn gefragt hat, wie die Show heute war, und er es nicht mehr wusste. Noch nicht einmal, wer sein Gast war. Mir ging das ähnlich, ich wusste manchmal nicht, wie die letzte Vorstellung war, da merkt man, man macht ein bisschen zuviel. Deswegen hat das ganz gut gepasst, jetzt ins Kinofach zu wechseln.

M Aber kann drehen nicht auch sehr langweilig sein, weil man viel rumsitzt und wartet?

D Da muss man lernen mit umzugehen. Ich habe angefangen zu meditieren, das hilft, die Konzentration zu halten und ich habe aufgehört zu rauchen, was sehr viel gesünder ist, wenn man den halben Tag warten muss. Früher habe ich am Set pro Tag ein Schachtel weggeraucht.

M Wie lange rauchst du schon nicht mehr?

D Seit einem Jahr und drei Monaten. Es fehlt mir tatsächlich nur noch manchmal am Set. Das sind diese Bonding-Momente, wenn man dort jemandem trifft und zusammen eine raucht. Rauchst du?

M Ich habe bis 2002 geraucht und zwar sehr viel. Ich habe selbst gedreht. Ein Päckchen Tabak pro Tag. Ich habe eigentlich immer geraucht, sogar im Farblabor. Da musste ich irgendwann gegen den blauen Qualm anfiltern und mehr gelbes Licht aufs Bild lassen.

D Abgefahren.

M Erstaunlicherweise habe ich während einer Trennung aufgehört zu rauchen. Also eigentlich in einem Moment, wo Menschen eher wieder mit dem rauchen beginnen. Mir ging es damals körperlich so schlecht, ich habe unter siebzig Kilo gewogen, bei meiner Größe. Ich sah aus wie ein essgestörter Skispringer.

M Du warst ja lange in Bochum am Schauspielhaus, wie lange bist du jetzt schon in Berlin?

D  In Berlin bin ich seit 2013, davon sechs Jahre am Maxim-Gorki-Theater.

M Was war das für eine Erfahrung?

D Es gab Höhen und Tiefen, wie es immer in einem Haus ist, das relativ viel Erfolg hat und sich natürlich dazu verhalten musste. Ich würde dennoch sagen, es war eine sehr gute Zeit.

M Ich habe in Mülheim „The Situation“ gesehen.

D Das war, für mich bestimmt das zentrale Stück in der Zeit. Da ging es um Migration, es war eine Art Deutschkurs, wo ich einen Monolog über mein Vater spreche. Die Geschichte darin war die Migrationsgeschichte meines Vaters. Ich wurde im Februar gefragt, ob ich den Monolog bei einem Empfang beim Bundespräsidenten für die Gäste vorspielen würde. Ich habe zugesagt, aber darauf bestanden, dass meine Familie auch kommen darf. Und so wurde meine ganze Familie zum Bundespräsidenten eingeladen. Ich glaube, die schönsten Familienfotos, die es von uns gibt, sind dort im Schloss Bellevue entstanden. Es war ein wahnsinnig tolles Erlebnis für meine Eltern. Natürlich auch, weil mein Vater seine Schwierigkeiten und Migrationserfahrungen direkt dem Bundespräsidenten erzählen konnte. Steinmeier hat meinen Vater beglückwünscht, dass dann doch alles sehr gut gelaufen ist. Meine Eltern hatten danach das Gefühl, hier angekommen zu sein und viele Dinge richtig gemacht zu haben.

M Wo seid ihr hergekommen?

D Aus Kasachstan, meine Mutter ist russisch und mein Vater deutschstämmig. Wir sind als Spätaussiedler nach Deutschland gekommen. Ich war damals acht Jahre alt. Deutsch habe ich hier vom Fernseher gelernt. Meine erste Sprache war Russisch und dann hatte ich in der Schule noch zwei Jahre Kasachisch, aber davon weiß ich praktisch gar nichts mehr. Es war für meine Eltern anfangs sehr schwer hier. Man unterschätzt oft, wenn man über Migration spricht, wie sehr das System, aus dem man kommt, einen prägt. Das ist etwas, was man nicht gut loswerden kann. Wenn man in einem System aufgewachsen ist, das korrupt ist, gehst du anders mit Polizei um, du gehst anders mit Staat und Gesetzen um. Mein Vater ist erst einmal davon ausgegangen, dass ein Verbot oder ein Gesetz eine Aufforderung ist, Geld zu zahlen. Das ist der Höhepunkt in meinem Monolog in „The Situation“.  Als wir mit dem Wohnwagen nach Kasachstan gefahren sind, wurden wir von Straßenräubern angehalten und mein Vater und meine Mutter mit einer Waffe bedroht. Mein Vater hat mit denen verhandelt, ihnen ein bißchen Geld gegeben. Und dann wollte er von der Bande ein Zettel unterschrieben haben, auf dem steht, dass wir als Familie schon gezahlt hätten. Er wollte also von Gangstern eine Quittung bekommen. Danach hat er mich gefragt, ob man die Summe von der Steuer absetzen könne. Das war so der große Gag an dem Monolog. Diese Art von eingedeutscht sein. Mir ist zum ersten Mal bei der Arbeit zu „The Situation“ aufgefallen, wie krass es für diesen Mann sein muss, dass ihm der Gang auf ein deutsches Amt mehr Angst macht, als eine Pistole im Gesicht. Das liegt natürlich daran, wie du sozialisiert bist, wie du akzeptierst, was Realität ist und was der normale Umgang miteinander ist. Deswegen haben meine Eltern sich sehr lange umgewöhnen müssen. Sie kamen aus einem völlig anderen juristischen, politischen und sozialen System. Ich war das letzte Mal 2014 dort. Da habe ich eine schöne Wanderung gemacht. Ich bin über über die Berge von Kasachstan nach Kirgistan gewandert. Kasachstan ist offenbar das einzige Land der Welt, wo man innerhalb von 100 Kilometern von einer Sandwüste auf einen 7000er laufen kann.

M Durch das Tienchangebirge?

D Genau, super, sehr gut. Woher weißt du so etwas?

M Ich war da mal für einen Job. Für ein deutsches Pädagogikprojekt, die haben schwierige deutsche Jugendliche nach Kirgisistan geschickt. Der Mitarbeiter dort war ein russischer Alpinist und mit ihm haben wir Ausflüge in die Berge gemacht. Es ist wahnsinnig schön dort.

D Ja, und vor allem ist es so schön unbewandert dort. Weil ich Russisch spreche und weil ich die Gepflogenheiten dort in Zentralasien noch gut kenne, konnte ich dort sehr einfach reisen. Wenn man so gar nichts mit der mit der Kultur mit der Sprache zutun hat, ist es bestimmt viel schwerer. Touristische Infrastruktur gibt es dort nicht.

M Ich bin ganz ehrlich, ich bin ja in meinem Inneren sehr Richtung Westen orientiert. Ich mag zum Beispiel die Küche im Osten nicht.

D Das muss man mögen. Wenn man Pferdefleisch und Teigtaschen nicht mag, ist man dort verloren. Ich habe dort Pferdehirn, Pferdelunge und Pferdehoden gegessen. Dort essen sie mehr Pferde als Kühe. Sie züchten diese dicken Gäule, die Kühe dort sind dagegen ganz ausgemergelt. Das wirkt absurd.

M Ich stehe da nicht so drauf, obwohl ich natürlich alles probiere. Ich hätte kein Problem, Pferdehoden zu probieren, käme aber auf die Zubereitung an. Wie war deine erste Zeit hier?

D Wir sind im Aussiedlerlager gewesen, das war 1993, in der Nähe von Pirmasens, in einer ziemlich runtergerockten Gegend mit hoher Arbeitslosigkeit. Ich war vor kurzem mit meiner Mutter in Lappland, um Polarlichter anzuschauen. Sie hat mir dort erzählt, dass sie Nebel nicht mag, weil das erste Mal, dass sie Nebel gesehen hat, war tatsächlich hier in Deutschland. Das war natürlich überhaupt nicht das, was sie sich unter diesem Land vorgestellt hat. Wenn Deutschland gezeigt wird, dann sind es meistens Fotos vom Oktoberfest und von der Heidelberger Innenstadt oder von Bamberg. Vielleicht noch ein bisschen Berlin mit dazu, aber Pirmasens wird garantiert nie gezeigt. Im Lager war alles zuerst sehr deprimierend für meine Eltern. Für meinen Bruder und mich war es aber auch eine schöne Zeit, es gab dort viele Kinder. Das soziale Umfeld hat gestimmt.

M Wir war eure Lebenssituation dort? 

D Das Lager war eine eine alte Jugendherberge, die nicht mehr genutzt wurde, Ich erinnere mich an alte verhunzte Teppiche und solche Dinge. Jede Familie bekam ein Zimmer mit zwei Stockbetten drin. Es waren ungefähr dreißig Familien dort und die kamen alle wie wir aus Zentralasien. Von dort gab es auch die meiste Emigration. Ich glaube, der  Großteil der Russlanddeutschen kommt aus Kasachstan. 

M Die sind damals von Stalin nach Asien deportiert worden.

D Meine Oma gehörte zu den Deportierten. Sie ist vor einem Monat gestorben, wir haben leider nicht viel darüber sprechen können. Ich hätte gerne mehr darüber erfahren. Das, was wir wissen ist, dass sie 1941 in einen Zug gesetzt wurde und nach zwei Monaten, da wo die Schienen endeten, rausgeworfen wurde. So wurde das damals gemacht mit den Wolgadeutschen. Es ist eine relativ unbekannte Geschichte, dass es mal eine autonome sowjetische deutsche Republik gab. Es gab mehr als vierhunderttausend Wolgadeutsche, die auf einem relativ engen Gebiet gewohnt haben. 1941 hat man befürchtet, dass sie mit den Deutschen kollaborieren würden. Die Wolgadeutschen hatten eine ziemlich enge Gemeinschaft, sie haben in über hundertfünfzig Jahren in der Diaspora nur Deutsch miteinander gesprochen. So ähnlich, wie die Amish in den USA und so ähnlich, wie deren Deutsch klingt, hört es sich auch bei den Wolgadeutschen in Kasachstan an. Meine Oma hat gesprochen, wie in Goethes Zeiten, das war sehr abgefahren.

M Wie lange habt ihr in dem Lager gelebt?

D Wir haben über ein Jahr dort gelebt, meine Eltern haben Sprachkurse gemacht und erste Jobs gesucht. Die Zeit verging relativ schnell. Aber das kleine Zimmer war natürlich nicht gut für die Sexualität meiner Eltern , vor allem, weil sie so jung waren. (lacht)

Ich hatte zwei Marksteine in meinem Leben. Einmal mit 27, da habe ich gemerkt, dass ich  genauso aussehe, wie mein Vater, in meinen frühen Erinnerungen. Ich muss etwa zwei gewesen sein und mein Vater damals 27. Was ich im Spiegel sah, war mein Vater. Der zweite Markstein war das dreiunddreißigste Lebensjahr, da ist mein Vater rübergezogen, das war der große Knick in seiner Biografie.  Jetzt bin ich schon drüber über dieses Alter, aber trotzdem hatte ich damals irgendwie die Erwartung, dass auch bei mir so ein großer Bruch kommen wird. Das war kein Damoklesschwert, aber ein Erwartungshaltung: Etwas wird passieren.

M Es gibt ja so etwas, wie einen Migrantenehrgeiz, zum Beispiel im Sport. Da trainieren Menschen noch ein wenig härter, strengen sich noch mehr an um nach vorne zu kommen und respektiert zu werden. Hast du den auch gehabt?

D Absolut. Migrantenkinder leben ganz oft mit dem großen Vorwurf der Eltern, sie hätten sich aufgeopfert für dich und ihnen gehe es hier viel schlechter als früher in der Heimat. Das sagen sie dir mit Blicken aber durchaus auch direkt. Und obwohl das nicht unbedingt stimmt, erzeugt es aber einen ungeheuren Druck. Du weißt, du mußt etwas daraus machen. Du wirst nicht nur keine Unterstützung haben zum Beispiel in der Schule, du wirst auch kein Haus erben oder so etwas. Aber dennoch bist du verantwortlich dafür, dass ihre Opfer nicht umsonst waren. Manche gehen daran zu Bruch, bei anderen setzt das mehr Energie frei und die drücken dann nach vorne.

M Wie ging es nach dem ersten Jahr weiter?

D Wir sind nach Oberschwaben gezogen. Wir hatten dort Freunde und haben eine Wohnung gefunden. Aber wir hätten genauso gut in Flensburg oder in Halle an der Saale landen können. In Oberschwaben bin ich aufs Gymnasium gegangen und habe schon kurz vor dem Abitur mit dem Vorsprechen an Schauspielschulen angefangen.

M Hattest du nicht Probleme mit der Sprache?

D Ich habe überraschend schnell Deutsch gelernt. Die letzten Schwierigkeiten hatte ich vielleicht in der sechsten Klasse. Danach ist noch einmal so ein Boost gekommen und ich bin sehr ehrgeizig geworden, die Sprache gut zu beherrschen. Mir war schnell klar, dass sie immer ein wichtiges Instrument für mich sein wird. Ich merke jetzt noch, wenn ich mich nervös fühle in sozialen Situationen, dass meine Sätze komplizierter werden, und ich versuche, Leuten zu zeigen, wie ich Ihnen intellektuell überlegen bin, indem ich bestimmte Worte benutze oder irgendwelche Autoren zitiere. Ich glaube, das ist das Trauma: Eine Sprache nicht sprechen zu können, der Dumme im Raum zu sein.

M. Hattest du dort als Kind Diskriminierungserfahrungen?

D Baden-Württemberg war schon immer eine Gegend, in der es wenige Migranten gab, insofern habe ich mich nie heimisch gefühlt. Ich hatte das Glück, auf ein kleines Gymnasium zu gehen, wo ich mich irgendwann etabliert habe. Aber ehrlich gesagt, in Oberschwaben gilt man schon als Aussätziger, wenn man nicht schwäbisch spricht. Es hätte mich genauso erwischt, wenn ich aus Norddeutschland gekommen wäre. Der schwäbische Rassismus ist ein Rassismus der absolut alle Anderen ausgrenzt. (lacht) Ich erinnere mich aber auch, dass es um 1993 bei uns vor dem Lager Naziaufmärsche gab. Meinen Eltern ist damals ihr erstes Auto gestohlen worden, die Diebe haben den Wagen in den Wald gefahren und einfach zerschlagen. Sie wollten den nicht fahren oder verkaufen, es war reiner Vandalismus. Ich vermute, dass das damals eine Nazigruppierung war.

M Ich erinnere mich an die Konflikte in den frühen 90iger Jahren. Es sind damals sehr viele Spätaussiedler gekommen und viele Jugendliche wurden nur sehr schwer integriert. Damals gab es „russische“ Jugendgangs, die einen sehr schlechten Ruf hatten. Sie galten als sehr hart, trinkfest und autoritär organisiert. Damals wurde zu diesem Thema sogar geforscht und inzwischen hat die Integration ja auch gut geklappt. Glaubst du, diese Probleme damals hatten auch mit der Sozialisation in den alten GUS-Staaten zu tun? Ich habe mal Joe Bausch fotografiert, der Schauspieler der auch Knastarzt war. Er hat erzählt, dass die Häftlinge aus dem Osten sehr hart im Nehmen waren. Sie sind erst zu ihm gekommen, wenn ihr Bein oder ihr Gesicht  schon halb abgerissen waren. 

D Im Russischen gibt es einen kaum übersetzbaren Witz. Es gibt das Wort “khuya“. Khuy heißt Schwanz und zusammen heißt das so etwas wie: Scheißdrauf, es ist gar nichts. Und es gibt das Wort pizda, das bedeutet Fotze im Deutschen. Im Russischen sagt man es, wenn alles total im Arsch ist und absolut nichts mehr zu machen ist. In Russland, gibt es den Gag, dass es nur zwei Zustände einer Krankheit gibt, „khuya“ oder „pizda“, also entweder es ist nichts, oder es ist schon zu spät. In beiden Fällen geht man nicht zum Arzt.

M Bist du auch so?

D Nein, ich hatte relativ schnell eine Abneigung gegen diese alten Männlichkeitsbilder.

M Und dein Vater?

D Mein Vater ist ein klassischer Gefolgsmann, das fällt meinem Bruder und mir immer wieder auf. Er mag Vorgesetzte, er mag Autorität und er mochte es sehr in der russischen Armee zu sein. Er mag Anweisungen sehr gerne und trifft nicht gerne eigene Entscheidungen. Wenn meine Mutter ihn verlassen würde, würde er innerhalb einer Woche eingehen. Deswegen bringt er meiner Mutter absolut uneingeschränkten Respekt entgegen. Er übernimmt diese männlichen Dinge, ich habe meine Mutter nie Tüten schleppen sehen. Er hat auch so einen männlichen Aufopferungswillen. Er ist mit zwei Schwestern aufgewachsen daher war er nie herablassend Frauen gegenüber, ganz im Gegenteil. Er war nie ein Alpha-Mann, aber er reagiert sehr positiv auf Alpha-Männer, er mag Alpha-Männer.

M Ich bin mit zwei älteren Schwestern groß geworden, wenn ich da den Macho gespielt hätte, hätte ich sehr schnell einen hängen gehabt. 

D Zu Recht!

M Meine älteste Schwester ist neun Jahre älter als ich, sie war Feministin und hat EMMA gelesen. Das hat mich geprägt. Das Machosein ist ja auch total anstrengend, jeder andere Mann in der Nähe ist ja eine potentielle Gefahr für deinen Status, jeder, der dich auf der Autobahn überholt, ist schon ein Feind. Das ist doch totaler Stress, ich fahre buddhistisch Auto, mit sehr ruhigem Puls.

D Aber kannst du gut mit Alpha-Männern?

M Mein Ex-Schwiegervater ist so einer. Da gab es Konflikte.

 D Aber warum, wegen so einem Altherrenhumor, oder war es dieses ständige Abtasten? Das mag ich nämlich nicht, dieses ständige Kräftemessen, das ist das was mich am meisten nervt an diesen Männern.

M Er war der klassische Patriarch, der die Familie zusammenhalten wollte. Er meinte das sicher auf seine Art gut, aber der Preis war natürlich Unfreiheit und Abhängigkeit. Insofern war da schon ein Kräftemessen, ich wollte guter Vater, toller Ehemann und wahnsinnig erfolgreicher Fotograf sein. Alles gleichzeitig. Das war eine sehr anstrengende Zeit. Wenn ich durch Lateinamerika reise, sehe ich auch regelmäßig, was der Machismo anrichtet. In den Dorfgemeinschaften ist er dort wirklich ein Problem. Und die Männer fühlen sich noch nicht einmal gut dabei.

D Was ich so erstaunlich finde in Lateinamerika ist, dass dort der Machismo nicht nur von den Männer ausgeht sondern auch von den Frauen gefördert wird. Wenn Mütter von ihren Söhne erwarten, ein ganzer Kerl zu sein. Ich kenne das ähnlich aus der russischen Kultur, aber dass das so durchgezogen wird, dass nicht nur andere Männer oder dein Vater von dir erwarten hart zu sein, sondern auch deine Mutter oder deine Schwestern, das finde ich krass. Was waren deine Erfahrungen in Lateinamerika?

M Die Hilfsorganisationen für die ich reise, arbeiten häufig lieber mit Frauen zusammen, weil sie zumeist verantwortungsvoller handeln und nachhaltiger mit den Hilfsgeldern umgehen. Die Männer in Lateinamerika stehen oft nur betrunken daneben oder hauen im schlimmsten Fall alles kurz und klein. Sie sind dort leider oft eher Last, als Hilfe.

Wir wechseln zum nächsten Motiv. Inzwischen ist es völlig dunkel

D Mir fällt jetzt bei deinem Blitz auf, als die Känguruh-Chroniken rauskammen, hatte ich meine erste Red-Carpet Erfahrung. Machst du das auch?

M Roter Teppich?  Gottseidank, nein. Dazu habe ich zu schwache Ellenbogen.

D Diese Erfahrung, ist schon heftig. Da stehen zwanzig Fotografen und schreien alle gleichzeitig, und zwar richtig aggressiv. HIER HIN!!!! HIER HIN !!!! Wenn du zu einer Seite schaust, schreit sofort die andere Hälfte los. Ich verstehe, sie haben einen ungeheuren Druck, das beste Bild zu bekommen. Das ist gelebter Sozialdarwinismus. Mich hat das total überrollt. Henry Hübchen war da ein ganz alter Hase. Er sagte zu den Fotografen, so, wir nehmen das jetzt ganz sportlich, oder ich gehe wieder. Er hat dann ganz langsam und nacheinander in alle Richtungen geschaut, da wurden die Fotografen ruhiger.

M Peter Lohmeyer hat beim Knipsgespräch erzählt, dass er auf dem roten Teppich gerne Quatsch für die Fotografen macht, er spielt den Torero mit seinem Mantel oder stellt sich auf ein Bein. Das mögen die Fotografen.

D Ja genau, irgendetwas Beknacktes, mit dem die Fotografen dann etwas anfangen können. Aber das muss charmant sein, das kann schnell schief gehen. Ich denke Peter kann gut mit Fotografen und Presse umgehen, er ist da, glaube ich sehr gewieft. Er ist ja auch schon lange dabei und das „Wunder von Bern“ ist ja auch eine ganz große Sache gewesen. Ich finde es krass, wie du, nach so einem Filmhit, bei den Menschen verankert bist. Es gibt in Deutschland nur sehr wenige echte Kinostars, mir fällt Elyas M´Barek ein. Oder Daniel Brühl.

M  Der taucht ja in den Känguru-Chroniken als Running-Gag ständig auf, sooft, dass alle etwas gelangweilt sind.

D Genau, sogar seine Mutter sagt zu Weihnachten, ach nee, da kommt ja schon wieder Daniel Brühl. (lacht) Aber im Ernst, die Karriere die er hingelegt hat ist sehr, sehr beindruckend. Er hat viele richtige Entscheidungen für Drehbücher getroffen. Das ist irgendwann gar nicht so einfach. Es gibt viel Verlockendes und viel kann auch schnell zur Falle werden, wenn man erstmal „gefragt“ ist. Nach den Chroniken, kamen jetzt Angebote auch für andere große Kinohauptrollen. Ich muss mich zum ersten mal aktiv gegen Filme entscheiden. Und das, obwohl ich Zeit hätte, den Film zu machen. Es ist wie ein Glücksspiel, die Frage ist, begehe ich einen Fehler, wenn ich den Film zusage? Irgendwann kommt der Punkt in der Karriere, wo das total entscheidend wird, obwohl du ja über den Erfolg des Films gar keine Macht hast. Deine einzige Entscheidung besteht darin, zuzusagen oder nicht.

M Bei diesem Thema, bei allen diesen Karrierefragen wirst du doch von deinen AgentInnen beraten?

D Ja klar, ich werde gut beraten. Sie haben zwanzig Jahre Erfahrung und sind mit allen Wassern gewaschen. Sie vertreten übrigens auch Florian David Fitz und Elyas M´Barek. Ich habe auch eine sehr gute Presseagentin und da mein Bruder als Regisseur im selben Geschäft ist, bespreche ich mich auch mit ihm. Aber es bleibt eine Gefühlssache. Ich habe neulich einen Kinderfilm abgesagt, weil ich mich absolut nicht mit Kindern spielend sehe. Gegen den Rat meiner Agentin, die das Projekt toll fand. Das Projekt war bestimmt auch toll, aber sicher nicht für mich. Al Pacino sagt in seiner Biografie, der Knackpunkt für jeden Schauspieler ist, wenn er anfangen muss, nein zu sagen. 

M Damals am Bochumer Schauspielhaus waren ja alle große Fans von dir. Justus von Verschuer, ein junger Dramaturg hat mir prophezeit, du wirst der nächste Christoph Waltz.

D (lacht)

M Wie lief eigentlich das Casting für die Känguruh-Chroniken ab?

D Ich bin zuerst, sicher mit sehr vielen anderen Kollegen zu einem E-Casting eingeladen worden. Ich hatte glücklicherweise viel Zeit um mich gut vorzubereiten. Ich war dann in München bei meinem Bruder und unserem Kameramann und wir haben das sehr professionell gedreht. Es war die ganze Eröffnungsszene, die an der Tür, als das Känguruh einzieht. Wir haben das zur Agentur geschickt und schon eine halbe Stunde später rief Simone Bär, eine der großen Casterinnen in Deutschland, an und sagte, unser Clip sei das beste Casting gewesen, das sie in diesem Jahr gesehen habe. Da habe ich gedacht: Wow. Zwei Monate später bin ich zum Re-Call geladen worden, da waren wir noch sieben Kandidaten, von denen ich nicht wusste, wer es war.

M Til Schweiger war bestimmt auch dabei.

D Wahrscheinlich (lacht)  Auf jeden Fall habe ich gedacht, das ist das Maximum, weiter kommst du nicht mehr. Es hat noch einmal zwei Monate gedauert, da haben Marc-Uwe Kling, der Autor und Dani Levy, der Regisseur angefangen in meine Vorstellungen ans Gorki-Theater zu kommen. Wir haben später ausführlich über Humor geredet und uns erzählt, was wir lustig finden. Ich habe das Ganze auch da noch nicht für realistisch gehalten. Irgendwann, ich war gerade auf dem Weg zu meinem Bruder nach München, hat Marc-Uwe mich angerufen und mir gesagt, dass ich es sei und ich später noch einen offiziellen Anruf bekäme.

M Da bist du dann fast in den Graben gefahren?

D Ich saß zum Glück im Zug. Ich habe mir ein Bier bestellt und es war ein sehr schöner Moment der Sprachlosigkeit. Ich habe ganz ruhig darüber nachdenken können, was das in meinem Leben wohl verändern könnte.

M Ich finde, es war sehr nett von Marc-Uwe Kling, dass er dich persönlich angerufen hat.

D Ja das war sehr freundlich, weil aus dem Filmbereich ruft normalerweise keine Sau an. Alle warten immer nur cool ab. Marc-Uwe ist da anders. Er sagt sich, Dimitrij fragt sich bestimmt, was los ist? Wahrscheinlich hat ihn niemand angerufen, deswegen mache ich das jetzt! Ich fand das supernett. 

M Ich finde alle Sachen die er macht unglaublich gut, Alles sehr lustig aber auch, und vor allem sehr schlau. 

D Ja, er ist ein unglaubliches Brain. Er macht alles was er macht mit einer krassen Sicherheit. Er hat es geschafft, diese Riesenmarke Känguru-Chroniken hinter sich zu lassen, Qualityland zu schreiben und danach mit seinem Neinhorn auch noch total tolle Kinderbücher zu machen. Das ist völlig präzendenzlos.

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